Friedrich Schiller

Kassandra

Alles um mich lebt und liebt

In der Jugend Lustgefühlen,

Mir nur ist das Herz getrübt.

Mir erscheint der Lenz vergebens,

Der die Erde festlich schmückt;

Wer erfreute sich des Lebens,

Der in seine Tiefen blickt!

Selig preis‘ ich Polyxenen

In des Herzens trunknem Wahn,

Denn den Besten der Hellenen

Hofft sie bräutlich zu umfahn.

Stolz ist ihre Brust gehoben,

Ihre Wonne faßt sie kaum,

Nicht euch, Himmlische dort oben,

Neidet sie in ihrem Traum.

Und auch ich hab‘ ihn gesehen,

Den das Herz verlangend wählt!

Seine schönen Blicke flehen,

Von der Liebe Gluth beseelt.

Gerne möcht‘ ich mit dem Gatten

In die heim’sche Wohnung ziehn;

Doch es tritt ein styg’scher Schatten

Nächtlich zwischen mich und ihn.

Ihre bleichen Larven alle

Sendet mir Proserpina;

Wo ich wandre, wo ich walle,

Stehen mir die Geister da.

In der Jugend frohe Spiele

Drängen sie sich grausend ein,

Ein entsetzliches Gewühle!

Nimmer kann ich fröhlich sein.

Und den Mordstahl seh‘ ich blinken

Und das Mörderauge glühn;

Nicht zur Rechten, nicht zur Linken

Kann ich vor dem Schreckniß fliehn;

Nicht die Blicke darf ich wenden,

Wissend, schauend, unverwandt

Muß ich mein Geschick vollenden

Fallend in dem fremden Land –

Und noch hallen ihre Worte –

Horch! da dringt verworrner Ton

Fernher aus des Tempels Pforte,

Todt lag Thetis‘ großer Sohn!

Eris schüttelt ihre Schlangen,

Alle Götter fliehn davon,

Und des Donners Wolken hangen

Schwer herab auf Ilion.

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