Alle Jahre wieder

Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind. Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus, geht auf allen Wegen mit uns ein und aus. Ist auch mir zur Seite still und unerkannt, daß es treu mich leite an der lieben Hand.

Die Lorelei

Ich weiss nicht, was soll es bedeuten, Dass ich so traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn. Die Luft ist kühl, und es dunkelt, Und ruhig fliesst der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein. Die schönste Jungfrau sitzet Dort oben wunderbar, Ihr goldenes Geschmeide blitzet, Sie kämmt ihr goldenes Haar. Sie … Read more

Belsazar

Die Mitternacht zog näher schon; In stummer Ruh lag Babylon. Nur oben in des Königs Schloss, Da flackert’s, da lärmt des Königs Tross. Dort oben in dem Königssaal Belsazar hielt sein Königsmahl. Die Knechte sassen in schimmernden Reihn Und leerten die Becher mit funkelndem Wein. Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht; So klang es dem störrigen Könige recht. … Read more

Trinken und Singen

Viel Essen macht viel breiter Und hilft zum Himmel nicht, Es kracht die Himmelsleiter, Kommt so ein schwerer Wicht. Das Trinken ist gescheiter, Das schmeckt schon nach Idee, Da braucht man keine Leiter, Das geht gleich in die Höh. Chor Da braucht man keine Leiter, Das geht gleich in die Höh. Viel Reden ist manierlich: „Wohlauf?“ – Ein wenig flau. … Read more

Der Einsiedler

Komm, Trost der Welt, du stille Nacht! Wie steigst du von den Bergen sacht, Die Lüfte alle schlafen, Ein Schiffer nur noch, wandermüd‘, Singt übers Meer sein Abendlied Zu Gottes Lob im Hafen. Die Jahre wie die Wolken gehn Und lassen mich hier einsam stehn, Die Welt hat mich vergessen, Da tratst du wunderbar zu mir, Wenn ich beim Waldesrauschen … Read more

Der Gefangene

In gold’ner Morgenstunde, Weil alles freudig stand, Da ritt im heitern Grunde Ein Ritter über Land. Rings sangen auf das beste Die Vöglein mannigfalt, Es schüttelte die Äste Vor Lust der grüne Wald. Den Nacken, stolz gebogen, Klopft er dem Rösselein – So ist er hingezogen Tief in den Wald hinein. Sein Roß hat er getrieben, Ihn trieb der frische … Read more

Geplagt

Weh dem Knaben, der zwei Herrinnen hat! Verloren ist er, verloren! Ruft die Stimme und ruft sie dort: »Komm, binde mir die Sandalen! Gib‘ den Schleier! — Nun eile fort, Vom Markte Narde zu holen!« Durch die Menge irrt er umher Wie ein armer verscheuchter Vogel, Wie ein armes zerrißnes Gewand, Geflickt von tausend Händen. Wehe dem Knaben, der zwei … Read more

Kleider machen Leute

Hinweis: Eine Inhaltsangabe der Novelle findet sich unter http://www.inhaltsangabe.de/keller/kleider-machen-leute/ An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgendeiner Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte wegen … Read more

Immensee

Der Alte An einem Spätherbstnachmittage ging ein alter, wohlgekleideter Mann langsam die Straße hinab. Er schien von einem Spaziergang nach Hause zurückzukehren; denn seine Schnallenschuhe, die einer vorübergegangenen Mode angehörten, waren bestäubt. Den langen Rohrstock mit goldenem Knopf trug er unter dem Arm; mit seinen dunkeln Augen, in welche sich die ganze verlorene Jugend gerettet zu haben schien und welche … Read more

Am Turme

Ich steh‘ auf hohem Balkone am Turm, umstrichen vom schreienden Stare, und lass‘ gleich einer Mänade den Sturm mir wühlen im flatternden Haare; o wilder Geselle, o toller Fant, ich möchte dich kräftig umschlingen, und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand auf Tod und Leben dann ringen! Und drunten seh‘ ich am Strand, so frisch wie spielende Doggen, die … Read more