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Johann Wolfgang von Goethe

Iphigenie auf Tauris

Zweiter Auftritt

Iphigenie. Arkas.

Arkas:
Beschleunige das Opfer, Priesterin!
Der König wartet, und es harrt das Volk.

Iphigenie:
Ich folgte meiner Pflicht und deinem Wink,
Wenn unvermutet nicht ein Hindernis
Sich zwischen mich und die Erfüllung stellte.

Arkas:
Was ist’s, das den Befehl des Königs hindert?

Iphigenie:
Der Zufall, dessen wir nicht Meister sind.

Arkas:
So sage mir’s, daß ich’s ihm schnell vermelde:
Denn er beschloß bei sich der beiden Tod.

Iphigenie:
Die Götter haben ihn noch nicht beschlossen.
Der ältste dieser Männer trägt die Schuld
Des nahverwandten Bluts, das er vergoß.
Die Furien verfolgen seinen Pfad,
Ja, in dem innern Tempel faßte selbst
Das Übel ihn, und seine Gegenwart
Entheiligte die reine Stätte. Nun
Eil ich mit meinen Jungfraun, an dem Meere
Der Göttin Bild mit frischer Welle netzend,
Geheimnisvolle Weihe zu begehn.
Es störe niemand unsern stillen Zug!

Arkas:
Ich melde dieses neue Hindernis
Dem Könige geschwind; beginne du
Das heil’ge Werk nicht eh, bis er’s erlaubt.

Iphigenie:
Dies ist allein der Priestrin uberlassen.

Arkas:
Solch seltnen Fall soll auch der König wissen.

Iphigenie:
Sein Rat wie sein Befehl verändert nichts.

Arkas:
Oft wird der Mächtige zum Schein gefragt.

Iphigenie:
Erdringe nicht, was ich versagen sollte.

Arkas:
Versage nicht, was gut und nützlich ist.

Iphigenie:
Ich gebe nach, wenn du nicht säumen willst.

Arkas:
Schnell bin ich mit der Nachricht in dem Lager.
Und schnell mit seinen Worten hier zurück.
O könnt ich ihm noch eine Botschaft bringen,
Die alles löste, was uns jetzt verwirrt:
Denn du hast nicht des Treuen Rat geachtet.

Iphigenie:
Was ich vermochte, hab ich gern getan.

Arkas:
Noch änderst du den Sinn zur rechten Zeit.

Iphigenie:
Das steht nun einmal nicht in unsrer Macht.

Arkas:
Du hältst unmöglich, was dir Mühe kostet.

Iphigenie:
Dir scheint es möglich, weil der Wunsch dich trügt.

Arkas:
Willst du denn alles so gelassen wagen?

Iphigenie:
Ich hab es in der Götter Hand gelegt.

Arkas:
Sie pflegen Menschen menschlich zu erretten.

Iphigenie:
Auf ihren Fingerzeig kömmt alles an.

Arkas:
Ich sage dir, es liegt in deiner Hand.
Des Königs aufgebrachter Sinn allein
Bereitet diesen Fremden bittern Tod.
Das Heer entwöhnte längst vom harten Opfer
Und von dem blut’gen Dienste sein Gemüt.
Ja, mancher, den ein widriges Geschick
An fremdes Ufer trug, empfand es selbst,
Wie göttergleich dem armen Irrenden,
Umhergetriebnen an der fremden Grenze
Ein freundlich Menschenangesicht begegnet.
O wende nicht von uns, was du vermagst!
Du endest leicht, was du begonnen hast:
Denn nirgends baut die Milde, die herab
In menschlicher Gestalt vom Himmel kommt,
Ein Reich sich schneller, als wo trüb und wild
Ein neues Volk voll Leben, Mut und Kraft,
Sich selbst und banger Ahnung überlassen,
Des Menschenlebens schwere Bürden trägt.

Iphigenie:
Erschüttre meine Seele nicht, die du
Nach deinem Willen nicht bewegen kannst.

Arkas:
Solang es Zeit ist, schont man weder Mühe
Noch eines guten Wortes Wiederholung.

Iphigenie:
Du machst dir Müh, und mir erregst du Schmerzen;
Vergebens beides: darum laß mich nun.

Arkas:
Die Schmerzen sind’s, die ich zu Hülfe rufe:
Denn es sind Freunde, Gutes raten sie.

Iphigenie:
Sie fassen meine Seele mit Gewalt,
Doch tilgen sie den Widerwillen nicht.

Arkas:
Fühlt eine schöne Seele Widerwillen
Für eine Wohltat, die der Edle reicht?

Iphigenie:
Ja, wenn der Edle, was sich nicht geziemt,
Statt meines Dankes mich erwerben will.

Arkas:
Wer keine Neigung fühlt, dem mangelt es
An einem Worte der Entschuld’gung nie.
Dem Fürsten sag ich an, was hier geschehn.
O wiederholtest du in deiner Seele,
Wie edel er sich gegen dich betrug
Von deiner Ankunft an bis diesen Tag!

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