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Friedrich Schiller

Die Kraniche des Ibykus

Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,

Er wandelt frei des Lebens Bahn.

Doch wehe, wehe, wer verstohlen

Des Mordes schwere Tat vollbracht,

Wir heften uns an seine Sohlen,

Das furchtbare Geschlecht der Nacht!

Und glaubt er fliehend zu entspringen,

Geflügelt sind wir da, die Schlingen

Ihm werfend um den flüchtgen Fuß,

DaP er zu Boden fallen muß.

So jagen wir ihn, ohn Ermatten,

Versöhnen kann uns keine Reu,

Ihn fort und fort bis zu den Schatten

Und geben ihn auch dort nicht frei.

So singend, tanzen sie den Reigen,

Und Stille wie des Todes Schweigen

Liegt überm ganzen Hause schwer,

Als ob die Gottheit nahe wär.

Und feierlich, nach alter Sitte

Umwandelnd des Theaters Rund

Mit langsam abgemePnem Schritte,

Verschwinden sie im Hintergrund.

Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet

Noch zweifelnd jede Brust und bebet

Und huldigt der furchtbarn Macht,

Die richtend im Verborgnen wacht,

Die unerforschlich, unergründet

Des Schicksals dunklen Knäuel flicht,

Dem tiefen Herzen sich verkündet,

Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

Da hört man auf den höchsten Stufen

Auf einmal eine Stimme rufen:

»Sieh da! Sieh da, Timotheus,

Die Kraniche des Ibykus!« –

Und finster plötzlich wird der Himmel,

Und über dem Theater hin

Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel

Ein Kranichheer vorüberziehn.

»Des Ibykus!« – Der teure Name

Rührt jede Brust mit neuem Grame,

Und, wie im Meere Well auf Well,

So läuft’s von Mund zu Munde schnell:

»Des Ibykus, den wir beweinen,

Den eine Mörderhand erschlug!

Was ist’s mit dem? Was kann er meinen?

Was ist’s mit diesem Kranichzug?« –

Und lauter immer wird die Frage,

Und ahnend fliegt’s mit Blitzesschlage

Durch alle Herzen. »Gebet acht!

Das ist der Eumeniden Macht!

Der fromme Dichter wird gerochen,

Der Mörder bietet selbst sich dar!

Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,

Und ihn, an den’s gerichtet war.«

Doch dem war kaum das Wort entfahren,

Möcht er’s im Busen gern bewahren;

Umsonst, der schreckenbleiche Mund

Macht schnell die Schuldbewußten kund.

Man reißt und schleppt sie vor den Richter,

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