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Catull

Hochzeitlicher Wettgesang

EIN JÜNGLING:

Hesperus läßt am Himmel sich sehn. Ihr Jünglinge, laßt uns

Aufstehn! Hesperus hebt die längst erwartete Leuchte.

Auf! es ist Zeit, wir müssen die leckere Tafel verlassen.

Nächstens erscheint sie, die Braut, und man stimmt den Feiergesang an.

CHOR:

Komm, Gott Hymen, o Bringer des Heils! komm, mächtiger Hymen!

EINE JUNGFRAU:

Seht ihr die Jünglinge stehn? Zieht ihnen entgegen, o Schwestern!

Schon erglänzt die ötäische Fackel des nächtlichen Herolds.

Seht ihr es nicht? Schnell sprangen sie auf; wahrhaftig, das war nicht

Ohne Bedeutung, und was sie nun singen, verlohnt sich zu hören.

CHOR:

Komm, Gott Hymen, o Bringer des Heils! komm, mächtiger Hymen!

EIN JÜNGLING:

Brüder, wir werden, ich fürchte, den Sieg so leicht nicht erhalten.

Schaut, wie die Jungfrauen flüstern! Sie haben sich etwas ersonnen,

Nicht vergebens ersonnen; es kommen besondere Dinge.

Doch kein Wunder, sie denken und tun auch alles mit ganzer

Seele: wir haben das Ohr stets anderwärts und die Gedanken,

Und so zieht man den kürzern, ein Sieg ja gewinnt sich im Schlaf nicht.

Nun, so nehmet zum wenigsten jetzt die Sinne zusammen,

Denn sie singen sogleich, und gleich auch muß man’s erwidern.

CHOR:

Komm, Gott Hymen, o Bringer des Heils! komm, mächtiger Hymen!

DIE JUNGFRAUN:

Hesperus, ist wohl eines der himmlischen Lichter so grausam?

Ihr lieb Kind aus der Mutter Umarmung zu reißen, vermagst du’s?

Ja, aus den Armen der Mutter das fest sich klammernde Mädchen?

In des verlangenden Mannes Gewalt die Keusche verrätst du?

Geht doch der Feind so grausam mit keiner eroberten Stadt um!

CHOR:

Komm, Gott Hymen, o Bringer des Heils! komm, mächtiger Hymen!

DIE JÜNGLINGE:

Hesperus, ist wohl eines der himmlischen Lichter so freundlich?

Siehe, dein Blinken bekräftigt uns die holden Verträge.

Was die Freier zuerst, was Väter und Mütter gelobten,

Dies vollzieht man nicht eher, als bis dein Stern sich erhoben.

Selige Stunde! was können die Götter uns Lieberes geben?

CHOR:

Komm, Gott Hymen, o Bringer des Heils! komm, mächtiger Hymen!

DIE JUNGFRAUN:

Hesper, du hast uns eine von unsern Gespielen genommen;

Böser, sobald du erscheinst, bezieht auch der Wächter die Wache;

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