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Catull

An Varus

Du kennst ja den Suffenus, Freund; er ist galant,

Sehr artig, schwatzt mit vielem Witz und macht dabei

Nicht wenig Verse: wo mir recht ist, hat er wohl

Zehntausend oder mehr geschrieben; nicht wie sonst

Gewöhnlich ist, auf kleinen Täfelchen: o nein!

Sein Buch ist königlich Papier, der Umschlag neu,

Neu sind die Stäbchen, rot die Riemen, alles glatt

Vom Bimsstein und die Zeilen nach dem Lineal.

Doch lies sein Werk: der Weltmann, der so artige

Suffenus ist ganz Bauer; nein, nicht plumper ist

Ein Karrenschieber: so verwandelt ist er, so

Nicht mehr er selbst. Was denkst du? dieser feine Herr,

Scherzhaft, gewandt, anmutig, was man sagen kann,

Ist ungeschlachter als das ungeschlachte Dorf,

Sobald er Verse macht! Und ist nie glücklicher,

Als wenn er Verse macht! ich sage dir, das Herz

Lacht ihm dabei, der ist voll Selbstbewunderung. –

Doch wer hat nicht dergleichen etwas? zeig mir den,

Der nicht in irgend einem Stück Suffenus ist!

Ein jeder hat sein Teilchen Narrheit abgekriegt,

Nur sehn wir nicht den Sack, der uns vom Rücken hängt.

Übersetzung von Eduard Mörike.

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